Am 12. März 2021 ist Monsignore Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider im Alter von 79 Jahren unerwartet an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben. Für den Bereich der katholischen Kirche, vor allem für den Allgemeinen Cäcilienverband für Deutschland (ACV), deren Präsident er von 1989 bis 2018 war, ist sein Tod ein großer Verlust. Auch wir vom Chorverband in der evangelischen Kirche (CEK) – ehemals Verband der evangelischen Kirchenchöre Deutschlands (VeK) – gedenken seiner in brüderlicher Verbundenheit.

Als Vorsitzender des Bereichs Chöre im Verband Ev. Kirchenmusik in Württemberg pflegte ich einen partnerschaftlichen Austausch mit dem Amt für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In der Zusammenarbeit ist mir aufgefallen, dass es dort nicht nur ökumenisch, sondern in der Abarbeitung von Tagesordnungen durchaus humorvoll zuging. Viel später lernte ich diesen atmosphärischen Umgang auch bei meinen zahlreichen Begegnungen mit Dr. Bretschneiders feinem von Bescheidenheit getragenen Humor schätzen.

In den neunziger Jahren begegnete ich erstmals Dr. Bretschneider in einer unserer Zentralratstagungen. In seinem Referat sprach er engagiert über die Gemeinsamkeiten der Chormusik in den beiden Kirchen. Als ich dann Präsident des damaligen Verbandes ev. Kirchenchöre Deutschlands wurde, war mein Anliegen, unsere Begegnungen intensiv und konstruktiv zu gestalten. Das hatte zur Folge, dass wir auf unseren Zentralratstagungen stets gegenseitig zugegen waren. In der Zusammenarbeit entwickelte sich dabei ein von Vertrauen getragenes Miteinander. In der Initiative „Singen mit Kindern“ haben wir Verbände ACV und VeK uns gegenseitig abgestimmt und im Bischofshaus in Würzburg dazu eine Tagung durchgeführt. Gemeinsam besuchten wir Veranstaltungen wie die Einladung zum Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue anlässlich des Tages der Musik. Auch bei fachspezifischen Anfragen haben wir uns für eine anstehende Beantwortung zuvor immer gegenseitig abgesprochen, um nach außen stets mit einer Stimme zu sprechen. So entwickelten wir einen selbstverständlichen Umgang zueinander.

Im Laufe der Zeit habe ich mancherlei Facetten seiner Persönlichkeit mit Bewunderung wahrgenommen. In seinen vielen Ansprachen ist mir aufgefallen, mit welcher Präzision er einen Vorgang darstellen konnte. Dabei erkannte ich öfters, dass seine Formulierungen von einem viel weiteren Wissenshintergrund getragen sind. So bekam ich einen großen Respekt vor seinen vielseitigabgelegten Studiengängen in Philosophie, Theologie, Musikwissenschaft und schließlich der Kirchenmusik. Diese Ausstattung machte ihn allerdings nicht elitär. Ganz im Gegenteil: Er ging damit in einer souveränen Gelassenheit um, aus der auch oft eine österlich gestimmte Fröhlichkeit aufflackerte. So war es für ihn selbstverständlich, Musik und Theologie als Verkündigung des österlichen Glaubens zu verstehen. Meine Bewunderung galt besonders auch seinem Orgelspiel. Als ich ihn nach einem Orgelkonzert daraufhin ansprach, wie er das bei seinen vielseitigen Aufgaben noch bewältigen kann, sagte er mir lapidar: „Dafür habe ich in meinem Leben viel zu viel investiert“.  Hintergrund meiner Frage war allerdings, dass ich selbst durch die Verbandsarbeit immer weniger zum Orgelspiel gekommen bin.

Auf einer unserer Zentralratstagungen regte er uns an, einen Aufruf in Sachen Singen in der Kirche zu entwerfen. Dieser wurde dann teilweise von der damaligen Landesbischöfin Margot Käßmann in Predigten zitiert.

So war es Dr. Bretschneider stetes Anliegen, die Kostbarkeiten der Kirche offensiv nach außen zu vertreten.

Für seine Kirche war er maßgeblich an der Entstehung des neuen Gesang- und Gebetsbuchs, dem 2013 erschienenen Gotteslob, beteiligt. In diesem Zusammenhang äußerte er mir gegenüber, dass für die Entstehung des neuen Gotteslobs unser Evangelisches Gesangbuch (EG) das große Vorbild ist. Umso mehr war er dann erstaunt und überrascht, dass die evangelische Kirche nach relativ kurzer Zeit bereits an ein neues Gesangbuch denkt.

Während unserer Zusammenarbeit habe ich Herrn Dr. Bretschneider auch als ein allseits den Menschen stets zugewandte Persönlichkeit erlebt.

Öfters erzählte er vom Bonner Münster als seiner musikalischen Heimat. Über Jahrzehnte spielte er dort die Münsterorgel in Gottesdiensten und Konzerten.

So ist es seitens der Münsterpfarrei ein Zeichen der Verbundenheit gegenüber einer für das Münster und der gesamten katholischen Kirche in Deutschland hervorragenden Persönlichkeit, ihn in der Gruft im Kreuzgang des Münsters, die den Münsterpfarrern vorbehalten ist, zu bestatten.

In dankbarer Erinnerung bleibt uns nun eine prägende Persönlichkeit, die das freundliche Gesicht der Kirchenmusik in der katholischen Schwesterkirche über Jahrzehnte als Hochschullehrer, als Präsident des Allgemeinen Cäcilienverbandes in Deutschland und als virtuoser Organist geprägt hat. Zu dem freundlichen Gesicht gehört auch, dass Dr. Bretschneider mit seinen vielseitigen Engagements nie als getriebener Mensch gewirkt hat. Er bleibt für mich lebendig als herausragende Persönlichkeit, als hochbegabter Musiker und als feinsinniger Mensch gepaart von einer großen Bescheidenheit. Gerne denke ich an die gemeinsame Zeit zurück!

Lothar Friedrich